Agile Teams zeichnen sich durch Selbstorganisation und Verantwortungsübernahme jedes Teammitglieds aus. Dazu braucht ein agiles Team psychologische Sicherheit, um die eigene Fehlbarkeit und Unwissenheit einzugestehen und sich miteinander weiterzuentwickeln. Die amerikanische Psychologin Amy Edmondson hat dazu 3 wesentliche Voraussetzungen beschrieben:

  1. Jedem zu erlauben, Fehler zu machen und daraus zu lernen, ist das Fundament der psychologischen Sicherheit.
  2. Die eigene Fehlbarkeit wird anerkannt und jedem zugestanden 
  3. Keiner weiß alles, deshalb sind die Teammitglieder neugierig und stellen Fragen.

Auch der agile Coach kann als Multiplikator in Teams diesbezüglich viel bewegen oder anders ausgedrückt: Fehlerfreude und Offenheit zu stärken ist eine fundamentale Aufgabe des agilen Coaches. Um psychologische Sicherheit in Teams zu stärken, ist der agile Coach zunächst gefragt sich selbst zu reflektieren, denn alle seine Handlungen, Skills und Tools basieren auf der Haltung, mit der er als agiler Coach diese einsetzt. Du kannst als agiler Coach beispielsweise die tollsten Retrospektiven Methoden einsetzen, um im Team den Respekt vor der Unterschiedlichkeit der Teammitglieder zu fördern. Doch wenn du im Coaching selbst die Teammitglieder nicht gleichermaßen respektierst, weil dir der eine sympathischer ist oder die andere dich infrage stellt – dann wird diese Einstellung deine Moderation stärker beeinflussen als die Coaching Methoden, die du verwendest.

Grundannahmen für Coaches

Im Folgenden will ich einige Favoriten an Grundannahmen beschreiben, die ich für das Thema psychologische Sicherheit besonders relevant finde:

Jeder / Jede ist eine 10!

Mit dieser Grundannahme löse ich in unseren Kursen zum agilen Coach sehr gerne kontroverse Diskussionen aus. Jeder ist eine 10 bedeutet, dass jeder Mensch, mit dem wir arbeiten, von uns als innere Skalierung eine volle 10 bekommt – keine 6 oder 7, sondern eine 10. Das verlangt uns nichts weniger ab als radikale Akzeptanz. Meines Erachtens eine der wichtigsten Interventionen, denn: „So, wie wir die Welt betrachten, so erscheint sie uns“.

In zahlreichen Studien wird die Wirkung der Beziehung zwischen Therapeuten und Klienten auf den Erfolg der Therapie nachgewiesen. (Orlinsky, Grawe & Parks, 1994, Horvath & Symonds, 1991) Die Beziehung wird dabei maßgeblich von der Haltung des Coaches zu seinem Gegenüber bestimmt. Sieht er die Stärken des Teams und des Einzelnen? Glaubt der Coach an die Entwicklungskompetenz?

Wenn wir die Haltung verinnerlichen und jedem Menschen innerlich als 10 betrachten, schaffen wir eine wichtige Basis für Vertrauen und Entwicklung.

Menschen können sich entwickeln, ein Leben lang

Wenn sie wollen! Die spannende Frage ist, ob die intrinsische Motivation dazu erwachsen kann, weil sich mein Gegenüber entwickeln will und damit innerlich vollkommen identifiziert ist. Aufgezwungene (Du musst) oder von außen angetragene Veränderungen (Du sollst) schaffen nicht annähernd die erforderliche Energie zu nachhaltigen Entwicklungen, sondern erzeugen im Coaching das Gegenteil: Widerstand.

Jeder hat Recht – in seiner Realität

Wie viele Kämpfe fechten Menschen im Miteinander aus, um das bisschen „mehr Recht“ als der andere zu haben, sei es der Partner, die Kollegin oder der Vorgesetzte. Als Coach ist demnach nicht nur das Verständnis für das Bedürfnis nach „recht haben“ wichtig, damit unser Gegenüber sich verstanden fühlt, sondern auch die Vermittlung der Unterschiedlichkeit anderer Realitäten. Immer wieder berührt mich, welcher Zauber entstehen kann, wenn Menschen ihre Sichtweisen auf die Realität verbinden oder einfach nebeneinanderstehen lassen können.

Probleme sind Ziele, die gerade Kopfstand machen

Etwas als Problem zu bezeichnen und eben nicht als Aufgabe oder Herausforderung ist an sich schon bezeichnend. Der Begriff Problem wird meistens dann gewählt, wenn wir die Lösung noch nicht erkennen, jedoch ein starkes Bestreben haben es zu lösen. So betrachtet ist jedes Problem ein Ziel, wie sehen nur die Lösung oder den Weg zur Lösung noch nicht. Schon die Vorstellung eines Ziels, welches auf dem Kopf steht, löst im Coaching eine positive Betrachtung der Situation aus.

Es gibt keine schwierigen Mitarbeiter, sondern nur unflexible Coaches

Wenn wir als Coach unser Gegenüber als schwierig wahrnehmen, bedeutet das in erster Linie, dass wir selbst Schwierigkeiten haben im Umgang mit demjenigen. Wir haben noch nicht die innere Flexibilität in unserer Fähigkeit oder Einstellung entwickelt, um andere Reaktionen zeigen zu können. Sobald wir mit dieser Haltung unserem Gegenüber begegnen, können sich völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Für uns selbst als Coach und natürlich auch für den anderen.

Du selbst bis die größte Intervention

Das Resume aus allen vorher beschriebenen Grundannahmen ist letztendlich, dass unsere eigene Denk- und Handlungslogik, unser Mindset, unser Handeln lenkt. Das ist wirksamer als jede noch so tolle Lehrbuch-Intervention.